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Felix Berge, M.A.

Kontakt

Postadresse:
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin
Leonrodstraße 46b
80636 München

Telefon: (+49) (0) 89 411150114

Website: https://www.ifz-muenchen.de/das-institut/mitarbeiterinnen/ea/mitarbeiter/felix-berge/

Weitere Informationen

ZUR PERSON

  • Doktorand im Forschungsprojekt: „Man hört, man spricht“. Informal Communication and Information „From Below“ in Nazi Europe (INFOCOM)
  • Masterstudium der Geschichtswissenschaft an der Universität Bielefeld (Abschlussarbeit: Zwischen „Räterepublik“ und „Gesindel-Raubzug“: Eine mikrohistorische Diskursanalyse der Märzkämpfe 1921 in der Region Gevelsberg); Bachelorstudium der Geschichtswissenschaft und Philosophie an der Universität Bielefeld und der University of Ireland, Maynooth
  • 2017-2019: Redaktionsassistent der „Zeitschrift für Kunstgeschichte“; Wissenschaftliche Hilfskraft im Sonderforschungsbereich 1288 „Praktiken des Vergleichens“, Universität Bielefeld
  • 2013-2016: Studentische Hilfskraft in der Geschäftsstelle der „Schule für Historische Forschung“, Universität Bielefeld
  • Praktika und Tätigkeiten im Archivwesen und Ausstellungsbereich sowie in der historische Unternehmenskommunikation

 

PROJEKT

Gerüchte im Nationalsozialismus zwischen staatlicher Kontrolle und Kommunikation ‚von unten‘: Kommunikative Wirklichkeitskonstruktionen, ihre Kontexte und Deutungen

Wie entstanden Gerüchte als kollektives Produkt einer informellen Kommunikationspraktik im totalitären System des Nationalsozialismus? Wie verhielten sich vermeintlich unlenkbare Gerüchte innerhalb der Bevölkerung und die restriktive, staatlich verordnete Informationskontrolle mit- und vor allem zueinander während des Kriegsverlaufs? Wie wirkten Kontexte und die Deutungsmacht eines Gerüchtes als Wirklichkeitsmodell an der Heimatfront und wie nutzten Menschen Gerüchte als Austausch und Wissenserwerb?
Obwohl sie ein vielschichtiges Erkenntnispotential eröffnet, stellt die explizit kulturgeschichtliche Auseinandersetzung mit Kommunikationspraktiken wie Gerüchten in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 nach wie vor ein Desiderat in der NS-Forschung dar. Dabei bietet informelle Kommunikation ‚von unten‘ – auch durch Erkenntnisse der Praxistheorie, Raumforschung oder Translocality- und Medienforschung – als Ausgangsüberlegung einen innovativen Zugang zur Kommunikations- und Sozialgeschichte von Nationalsozialismus und Volksgemeinschaft. Als performative Konstruktion sind Gerüchte ein Produkt des „Sagbaren“ und Resultat eines unbefriedigten Informationsbedürfnisses oder einer „unentscheidbaren“ Situation. Dabei können sie als sinnhafte Wirklichkeitskonstruktion parallel zur Realität der NS-Propaganda existieren und sich der staatlichen Kontrolle entziehen. Durch eine methodisch reflektierte und interdisziplinäre Analyse der Trias von Gesellschaft – Kommunikation – Gerücht kann das wie von Wissenserwerb und Informationstransfer in der Kommunikationspraktik Rückschlüsse auf Akteure, ihre Agency und die Rezeptionswirkung von Gerüchten im Nationalsozialismus generieren.
In dem Forschungsprojekt zur deutschen Kriegsgesellschaft soll das kleinteilige, mikrohistorische Phänomen Gerücht eng an die gesamtgesellschaftliche, makrohistorische Befragung geknüpft werden – zum Beispiel im Zusammenhang von Geschlechterbildern oder in der Reaktion des Staates, der die „Gerüchtemacherei“ nicht nur bekämpfte, sondern auch situativ als nützlich identifizieren konnte. Gerade das totalitäre Kontrollstreben des nationalsozialistischen Staates schaffte gute und dezidierte Rahmenbedingungen für Gerüchte. Welchen Einfluss hatten dabei Zäsuren wie Stalingrad, das der deutschen Bevölkerung erstmals vor Augen führten, dass die von Soldaten auf Heimaturlaub verbreiten Gerüchte über eine Niederlage wahr sein konnten? Wie wurden Gerüchte über Bahnhöfe und das Eisenbahnnetzwerk als Zirkulationspunkte kommuniziert und translokal exportiert, wie verliefen Kommunikationskanäle innerhalb von NSDAP oder den Kirchen? Auf welche Weise konnte der totalitäre NS-Staat von Gerüchten profitieren? Welchen Einfluss hatten Gerüchte im Luftkrieg auf Sicherheitsdispositive und Bevölkerungsschutz? Wie wirkte die Kommunikationspraktik im Kontext der sogenannten Endphaseverbrechen als nach innen gerichtete Gewalt?
Die Quellenperspektive des Projektes ergibt zum einen aus der Rückspiegelung von Gerüchten in formeller Kommunikation, wie in den Polizei- und SD-Berichten sowie Gerichtsverfahren oder auf Organisationsebene in Parteidokumenten und kirchlich-gebundener Kommunikation. Zum anderen generiert die private Sphäre direktere Bezüge zu Gerüchten, so vor allem in Ego-Dokumenten und persönlicher Korrespondenz (Tagebücher, Briefe) nachvollziehbar. Die Lokalpresse spielt in der Untersuchung von Gerüchten eine ebenso wichtige Rolle.

FINANZIERUNG

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin

PUBLIKATIONEN

  • Rezension zu Andreas Braune / Mario Hesselbarth / Stefan Müller (Hgg.): Die USPD zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus 1917–1922. Neue Wege zu Frieden, Demokratie und Sozialismus?, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 7/8, URL: http://www.sehepunkte.de/2019/07/33034.html
  • Zur Einrichtung eines katholischen Gottesdienstes im Zuchthaus zu Herford. In: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford 2018, Herford 2017, S. 91-104.